Manchmal beginnt Veränderung nicht mit einem Plan, sondern mit einem Moment, der sich festsetzt.
Für Tim war dieser Moment während seines Soziologiestudiums. Als er sich zum ersten Mal intensiver mit dem Thema Bildungsgerechtigkeit beschäftigte, erkannte er darin nicht nur ein gesellschaftliches Problem, sondern auch seine eigene Geschichte. Als Bildungsaufsteiger, als Erster in seiner Familie mit Abitur und Studium, wurde ihm bewusst, dass sein Weg keineswegs selbstverständlich war.
„Das war ein krasser Aha-Moment, der mich nicht mehr losgelassen hat.“
Tim Wermter (Fellow 2018-2020, Hamburg)
Diese Erkenntnis wurde zum Ausgangspunkt für alles Weitere. Seine Bachelorarbeit beschäftigte sich mit schulischer Ungleichheit, später stieß er während seines Studiums in England auf das Konzept von Teach First. Die Idee, dass Akademiker:innen unabhängig vom Studienfach an Schulen mit besonderen Herausforderungen wirken können, traf genau den Kern seiner Überzeugungen: Bildungsgerechtigkeit, Leadership und die Möglichkeit, auf individueller Ebene Veränderung anzustoßen – mit potenziellen Auswirkungen auf das große Ganze.
Nach seinem Master entschied er sich bewusst für diesen Weg und landete als Fellow an einer Stadtteilschule in Hamburg-Harburg.
Ins kalte Wasser und genau dort entsteht Entwicklung
Was folgte, beschreibt Tim rückblickend als eine der intensivsten Phasen seines Lebens.
„Eine der krassesten Lernkurven meines Lebens.“
Die ersten Wochen waren herausfordernd – teilweise überfordernd. Eine Situation ist ihm besonders im Kopf geblieben: Eine Vertretungsstunde, die er nach kurzer Zeit abbrechen musste, weil die Dynamik in der Klasse ihn komplett überrollte.
Ein Jahr später stand er wieder vor einer ähnlichen Situation. Wieder spontan. Wieder ohne Vorbereitung.
Doch diesmal war etwas anders.
Er konnte die Situation halten, die Klasse führen, eine funktionierende Stunde gestalten. Nicht perfekt – aber souverän. Was sich verändert hatte, waren seine Fähigkeiten: seine Präsenz, seine Kommunikation, sein Gespür für die Dynamik im Raum.
Diese Entwicklung kam nicht durch Theorie, sondern durch Erfahrung. Durch das „ins kalte Wasser geworfen werden“. Durch tägliches Ausprobieren, Scheitern und Wiederaufstehen.
Warum Beziehungen mehr verändern als Inhalte
Neben den fachlichen und methodischen Fähigkeiten war es vor allem ein Aspekt, der Tim nachhaltig geprägt hat: die Beziehung zu den Schüler:innen.
Besonders intensiv war die Arbeit mit seinen Fokusschüler:innen – einer kleinen Gruppe, die er über längere Zeit eng begleitet hat.
„Mir sind alle meine Fokusschülerinnen und -schüler sehr ans Herz gewachsen."
Tim Wermter
Diese Nähe hat nicht nur die Arbeit verändert, sondern auch seine Perspektive auf Bildung. Es ging weniger darum, Inhalte zu vermitteln, sondern vielmehr darum, Vertrauen aufzubauen, Orientierung zu geben und individuelle Entwicklung zu begleiten.
Bis heute ist er mit einigen dieser Schüler:innen in Kontakt. Diese Beziehungen sind für ihn ein Beweis dafür, dass Wirkung oft nicht sofort sichtbar wird, aber langfristig bestehen bleibt.
Eine Erfahrung, die nachwirkt
Tim beschreibt das Fellowship als eine Form des Arbeitens, die sich deutlich von anderen beruflichen Kontexten unterscheidet.
Die Möglichkeit, sich auf einzelne junge Menschen zu konzentrieren, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken und ihre Entwicklung aktiv zu begleiten, war für ihn etwas Besonderes. Gleichzeitig merkt er heute, dass genau diese Intensität im späteren Berufsalltag nicht immer in gleicher Form möglich ist.
Gerade deshalb bleibt die Fellow-Zeit für ihn so prägend.
„Die Fähigkeiten, die ich da damals erlernt habe, prägen auch heute noch mein professionelles Leben.“
Es sind nicht nur konkrete Skills wie Kommunikation oder Auftreten, sondern auch eine innere Haltung: flexibel zu bleiben, Verantwortung zu übernehmen und sich auch in herausfordernden Situationen nicht zurückzuziehen.
Warum sich dieser Weg lohnt
Wenn Tim heute auf seine Zeit zurückblickt, ist seine Empfehlung klar – auch wenn er nichts beschönigt.
Das Fellowship ist kein leichter Weg. Es fordert heraus, konfrontiert mit Unsicherheiten und zwingt dazu, sich selbst immer wieder neu zu hinterfragen.
Aber genau darin liegt der Wert.
Man wächst schneller, als man es erwartet.
Man erweitert seinen Blick auf die Welt.
Und man lernt, Verantwortung zu übernehmen – für andere und für sich selbst.
Vom Aha-Moment zur Haltung
Was bei Tim mit einer theoretischen Auseinandersetzung im Studium begann, wurde durch das Fellowship zu einer gelebten Erfahrung.
Heute ist es weniger eine Entscheidung als vielmehr eine Haltung, die ihn prägt: die Überzeugung, dass Bildung ein Schlüssel zu gesellschaftlicher Veränderung ist und dass diese Veränderung immer bei einzelnen Menschen beginnt.
Und vielleicht ist genau das die größte Erkenntnis aus seiner Zeit als Fellow: Dass man nicht nur Wirkung erzeugt, sondern selbst Teil von Veränderung wird.
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