14. September 2026

Neues Schuljahr, neue Chancen: Was ein Fellow verändern kann.

Bariş hat kein Stimmrecht in dieser Versetzungskonferenz. Er sitzt trotzdem da, an diesem letzten Tag des Schuljahres, während die Namen seiner Schüler:innen [1] der Reihe nach aufgerufen werden, und rechnet bei jedem im Kopf mit.

[1] Namen von der Redaktion geändert

Drei Schüler:innen, drei Versetzungen

Als David an der Reihe ist, geht die Rechnung knapp auf: Schnitt 4,0, ausgeglichen durch eine 3 in Mathe. Es reicht. Gerade so. Bariş kennt diese Zahl nicht nur aus der Akte. Er kennt den Moment, in dem sie entstanden ist. David war Teil seiner Förderklasse, und in der letzten Klausur hatte er sich an der ersten Aufgabe festgebissen; zwanzig Minuten, ohne weiterzukommen. Danach wurde er unsicherer von Aufgabe zu Aufgabe, kurz davor, ganz aufzugeben. Bariş blieb neben ihm sitzen.

„Mach weiter. Nächste Aufgabe. Jetzt die nächste. Egal, zu dem Rest kommen wir gleich, mach erst diesen Strich.“

David machte weiter. Aufgabe für Aufgabe, bis er genug beisammenhatte. 

David wurde versetzt. Er kommt jetzt in die sechste Klasse.

Zwei Namen weiter wird es in der Konferenz lauter. Aiden hatte im ersten Halbjahr praktisch nicht mitgemacht – nicht verweigert, laut oder auffällig, sondern einfach: nicht da. Bariş hatte monatelang versucht, überhaupt eine Beziehung zu ihm aufzubauen, ohne dass viel zurückkam. Es gab einen Punkt, an dem er kurz davor war, es aufzugeben.

Dann kippte etwas. Aiden fing an, ihn im Schulhaus zu grüßen. Er freute sich sichtbar, wenn Bariş sich im Unterricht neben ihn setzte. Wenige Wochen später meldete seine Klassenlehrerin von sich aus, dass Aiden sich plötzlich mit guten Beiträgen beteiligte. Am Ende des Schuljahres stand keine Fünf mehr auf seinem Zeugnis. 

Bariş erzählt uns: „Kurioserweise fing er in der Woche an zu grüßen und mich im Unterricht als seinen Nebensitzer einzuladen, als ich innerlich dachte: Der kann mich einfach nicht leiden, den lasse ich jetzt in Ruhe. Wochenlang verdrehte er die Augen und zuckte mit den Schultern wenn ich fragte, ob ich neben ihm sitzen dürfe. Ich blieb dran, erinnerte ihn immer wieder daran sein Heft rauszuholen, mitzuschreiben, ermutigte ihn, Aufgaben zu lösen. Immer gegen Widerstand. Ohne für mich ersichtlichen Grund oder Auslöser war er plötzlich offen und engagiert. Ich vermute, dass er irgendwann merkte, ich habe keine geheime Agenda, da ist kein Trick, ich stehe an seiner Seite und glaube, dass er mehr drauf hat, als momentan sichtbar ist. Dann hat er das noch übertroffen.“

Auch Aiden wird versetzt.

Dann kommt Luan. Und hier ist die Konferenz nicht mehr nur eine Formalität, die Bariş beobachtet, hier wird es zu seiner Sache. Formell hätte Luan die Klasse wiederholen müssen. Selbst seine eigene Klassenleitung war unsicher. Bariş hatte sie im Vorfeld bestärkt, trotzdem eine außerordentliche Versetzung zur Diskussion zu stellen und jetzt, im Raum, sind die Meinungen geteilt.

Bariş ergreift das Wort. Er erzählt, was er über zwei Halbjahre gesehen hat: Im ersten hatte Luan die Mitarbeit weitgehend verweigert. Fragte Bariş ihn, ob er eine Aufgabe verstanden habe, nickte Luan und arbeitete danach trotzdem nicht weiter. Im zweiten Halbjahr änderte sich das. Luan sagt inzwischen, wenn er etwas nicht versteht. Lässt es sich erklären. Macht mit.

Bariş ist überzeugt, dass Luan die nächste Klasse schafft, wenn diese Entwicklung weitergeht und erklärt sich bereit, ihn weiter zu fördern. Die Mehrheit stimmt für die Versetzung.

Luan kommt weiter.

Drei von Fünzig

Drei Schüler:innen von rund 50 in Bariş‘ beiden Klassen. Drei Versetzungen, die nicht selbstverständlich waren. Und drei Antworten auf die Frage, was hinter einem Satz wie „neues Schuljahr, neue Chancen“ eigentlich steckt.

Eine Chance entsteht nämlich nicht automatisch, nur weil im Kalender ein neues Schuljahr beginnt. Manchmal braucht sie jemanden, der nach der zwanzigsten Minute einer Klausur noch einmal sagt: nächste Aufgabe. Jemanden, der monatelang auf eine Beziehung hinarbeitet, obwohl lange wenig zurückkommt. Oder jemanden, der sich in einer Konferenz gegen geteilte Meinungen stellt, weil er eine Entwicklung gesehen hat, die in den Noten noch nicht sichtbar ist.

Sein Trainer Tim hatte ihn genau darin bestärkt: sich einzubringen, auch wenn es unbequem wird, und die Geduld zu behalten, wenn Fortschritte auf sich warten lassen.

Bariş erzählt uns: „In einem frühen Gespräch ging es darum, dass ich mit einigen Situationen in der Schule nicht einverstanden bin, aber ja ganz neu im Kollegium bin. Tim hat mich darin bestärkt, dass meine Loyalität bei den Kids liegen darf, das mein Auftrag ist, für die Kinder einzustehen, an sie zu glauben und sie zu stärken, dass ich durchaus kritisch mit dem Status Quo sein darf. Mir wurde klar, dass die Dauer des Programms, die zwei Jahre, genau richtig sind: Ich kann ein Standing aufbauen, Systeme verstehen, Pläne schmieden und umsetzen – ich kann aber auch unbequem sein, habe einen frischen Blick, kann Gepflogenheiten und Autoritäten in Frage stellen und mit einer Energie reingehen, die langfristig nicht nachhaltig ist – es aber auch nicht sein muss.“

Ein neues Schuljahr beginnt

Jetzt stehen David, Aiden und Luan vor ihrem nächsten Schuljahr. Wie ihre Geschichten weitergehen, weiß niemand. Was Bariş weiß: Es hat für diese drei einen Unterschied gemacht, dass jemand genau hingeschaut, Zeit investiert und ihre Entwicklung gesehen hat, auch dort, wo sie noch nicht in einer Zensur stand.

Und auch er selbst nimmt etwas aus diesem Tag mit: die Erfahrung, dass Veränderung möglich ist und das eigene Handeln einen Unterschied macht. Nach der Konferenz sagt er:

„Ich fühle mich so wirksam und bin so dankbar, dass ich in der Klasse sein kann und mindestens diesen dreien wahrscheinlich die Versetzung sichern konnte – und dass TFD mir den Rahmen gibt, genau das zu tun.“

Fellows werden zu Changemaker:innen

Für David, Aiden und Luan beginnt jetzt eine neue Klassenstufe. Was an diesem Tag in der Konferenz sichtbar wurde, ist mehr als drei bestandene Versetzungen: Es zeigt, was Wandel im Kleinen tatsächlich braucht: hohe Erwartungen, die einem Menschen etwas zutrauen, und jemanden, der geduldig genug ist, dranzubleiben, bis sich das zeigt.

Genau das lernen Fellows wie Bariş in ihren zwei Jahren an Schule: nicht nur, wie man einer Klasse hilft, sondern wie Veränderung überhaupt entsteht. So entsteht die Grundlage dafür, später als Changemaker:in weiterzuarbeiten, ob in der Schule, in der Verwaltung, in der Politik oder im sozialen Umfeld rund um Schule.

Auch Bariş selbst startet mit diesem Schuljahr neu: in sein zweites und letztes Einsatzjahr als Fellow. Was er an diesem Tag über Veränderung gelernt hat, nimmt er mit in dieses Jahr, und darüber hinaus.

Er erzählt uns mit Blick auf das neue Schuljahr: „Nun, im neuen Schuljahr, habe ich genau diese drei genauer im Blick und erwarte viel von ihnen. Sie bekommen von mir besonders viel Aufmerksamkeit, besonders viel Unterstützung, aber auch besonders viel Anspruch: kleine Zusatzaufgaben. Luan versteht sehr wenig deutsch und schaltet im Unterricht oft ab. Wenn die Situation es nicht zulässt, dass ich ihm alles nochmal langsam erkläre und mit deepl übersetze, schreibe ich 1. – 10. auf ein Blatt und er soll zehn neue Worte aus dem Vortrag der Lehrkraft aufschnappen und aufschreiben. David habe ich ein Hausaufgabenheft gekauft, darin seinen Stundenplan gestaltet. Ich habe alle seine Lehrkräfte angeschrieben, was genau er in ihrem Unterricht braucht, die offizielle Materialliste ist nie ganz vollständig. Nun hat er für jedes Fach, jeden Tag eine Checkliste, die wir gemeinsam prüfen. Aiden cold calle ich fast in jeder Stunde, er reagiert genervt und kann sich aber das Grinsen nicht verkneifen, wenn er mal wieder die richtige Antwort gegeben hat.“

Mehr Changemaker:innen-Geschichten aus dem Fellow-Alltag  findest du hier: 

Damit neue Chancen möglich werden

Geschichten wie die von David, Aiden und Luan zeigen, was möglich wird, wenn Schüler:innen jemand:in an ihrer Seite haben, der an sie glaubt, sie fordert und nicht aufgibt. Damit Fellows genau dort wirken können, wo sie gebraucht werden, braucht es neben engagierten Menschen, auch Menschen, die diese Arbeit möglich machen.  

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