Vier Wochen ist es her, dass PISA 2025 veröffentlicht wurde.
Die Ergebnisse sorgten kurz für Aufmerksamkeit, doch die Debatte darüber, was sich in unserem Bildungssystem ändern muss, ist längst wieder in den Hintergrund gerückt.
Dabei stehen wir in Deutschland schlechter da als beim PISA-Schock 2001. Rund ein Drittel der 15-Jährigen verfehlt in Lesen (32 %) und Mathematik (34 %) die Mindeststandards. Und der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Lernerfolg ist so stark wie noch nie.
Wo sollten wir also hinschauen? Vielleicht nicht nur zu den üblichen Vorbildern wie Kanada oder Finnland. Sondern nach England.
Denn England schneidet bei PISA deutlich besser ab als Deutschland. Besonders bemerkenswert: Die 25 % der sozial am stärksten benachteiligten Jugendlichen in England erreichen beim Lesen bessere Ergebnisse als der Durchschnitt aller Schüler:innen in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden oder Norwegen. Wie ist das möglich? Und was können wir daraus für mehr Bildungsgerechtigkeit in Deutschland lernen?
Fünf Beobachtungen aus England
Im internationalen Teach For All Netzwerk tauschen wir uns schon lange mit anderen Organisationen über erfolgreiche Ansätze für mehr Bildungsgerechtigkeit aus. Angesichts der aktuellen PISA-Ergebnisse tun wir das noch intensiver. Auch mit unserer britischen Schwesterorganisation Teach First.Unsere Geschäftsführerin Elisabeth Heid hat im Juni Schulen in London besucht und sich zusätzlich vor Ort ein Bild gemacht. Fünf Dinge fallen ihr beim Blick auf das englische Bildungssystem besonders auf:
- Autonomie und Accountability: Viele Schulen sind in freier Trägerschaft, sogenannte Academies. Sie haben mehr Autonomie, etwa bei der Personalauswahl, und bündeln sich in Trusts, die voneinander lernen. Gleichzeitig sorgt die Schulinspektion Ofsted für eine hohe Rechenschaftspflicht.
- Inhalte: England hat einen anderen Weg eingeschlagen als viele andere Länder und setzt stärker auf wissensbasierte Lehrpläne. Im Mittelpunkt steht damit die Frage, welches Wissen Schüler:innen erwerben sollen und auf welcher Grundlage sie weiterlernen können.
- Unterricht: Ein klarer Fokus auf Lernen. In den Londoner Schulen, die Liz im Juni besucht hat, stand immer wieder die Leitfrage im Mittelpunkt: „Is learning happening?“ Dazu gehört auch die bewusste Entscheidung für stärker lehrerzentrierten Unterricht, etwa Direct Instruction, insbesondere an Schulen in herausfordernder Lage. Liz sieht darin einen Ansatz, der zu Erkenntnissen der Unterrichtsforschung von John Hattie passt. Uns ist bewusst, dass diese Unterrichtsformen in Deutschland kontrovers diskutiert werden.
- Talentgewinnung und Professionalisierung des Lehrerberufs: In England gibt es vielfältige, gleichwertige Wege in den Lehrerberuf. Unsere Schwesterorganisation Teach First gewinnt seit 2003 Lehrkräfte für Schulen in herausfordernder Lage, inzwischen rund 21.000. Hinzu kommen klare und attraktive Karrierewege innerhalb der Schulen und des Bildungssystems.
- Hinter allem und vielleicht am wichtigsten, die Kulturebene: Hohe Erwartungen an das Potenzial jedes Kindes, auch in herausfordernder Lage. Und die Bereitschaft, jedes Kind immer wieder zu fördern, wenn es zurückfällt.
Was können wir daraus lernen?
Natürlich ist England kein Paradies. Auch dort gibt es Herausforderungen und weiterhin viel zu tun. Zudem lässt sich aus den PISA-Ergebnissen allein nicht ableiten, welchen Einfluss einzelne Reformen auf die Leistungen der Schüler:innen hatten. Bemerkenswert ist dennoch, wie sich England im internationalen Vergleich entwickelt hat. Während viele andere europäische Länder deutlich zurückgefallen sind, konnte England seine Leistungen weitgehend stabil halten und in den Naturwissenschaften sogar verbessern. Das sollte uns auch in Deutschland beschäftigen. Denn der internationale Vergleich macht deutlich, dass die Entwicklung unseres Bildungssystems keine zwangsläufige ist.
Welche Fragen stellen sich uns
Welche Verantwortung geben wir Schulen? Wie konsequent richten wir Unterricht auf tatsächliche Lernfortschritte aus? Wie gewinnen wir engagierte Menschen für den Lehrerberuf und ermöglichen ihnen, langfristig Verantwortung zu übernehmen?
Gerade die letzte Frage beschäftigt uns bei Teach First Deutschland besonders: Wir gewinnen und qualifizieren Menschen, die als Fellows zwei Jahre an Schulen in herausfordernder Lage arbeiten. Sie unterstützen Schüler:innen individuell und übernehmen Verantwortung für ihre Lernentwicklung. Gleichzeitig sammeln sie prägende Erfahrungen, die viele von ihnen motivieren, sich auch nach ihrem Schuleinsatz für Bildungsgerechtigkeit einzusetzen.
Dabei profitieren wir vom Austausch innerhalb des internationalen Teach For All Netzwerks mit über 60 Partnerorganisationen. Wir lernen voneinander, teilen Erfahrungen und beschäftigen uns gemeinsam mit der Frage, wie Veränderungen auch über einzelne Schulen hinaus möglich werden.
Veränderung ist auch auf Systemebene möglich
Was wir aus England mitnehmen: Auch Kinder aus benachteiligten Verhältnissen sind zu hohen Leistungen fähig. Und Bildungssysteme können sich verändern.
Für uns ist das eine wichtige Bestätigung unserer Überzeugung, dass Herkunft nicht über Zukunft entscheiden darf.Nach dem ersten PISA-Schock hat Deutschland gezeigt, dass Fortschritte möglich sind. Doch diese Entwicklung war nicht von Dauer.
Deshalb sollten wir die Erfahrungen anderer Länder ernst nehmen, voneinander lernen und gemeinsam daran arbeiten, dass Verbesserungen langfristig wirken. Wir sollten uns vor allem fragen:
Was hat uns in Deutschland nach dem ersten PISA-Schock gefehlt, damit es anders gekommen wäre? Und was braucht es jetzt, damit es diesmal anders wird?