12. Oktober 2026

PISA 2025: Uns überrascht das nicht. Und genau das beunruhigt uns.

Hast du mit 15 schon einmal gedacht, Schule sei Zeitverschwendung?

33 % der Jugendlichen in Deutschland stimmen genau dieser Aussage in der aktuellen PISA-Studie zu. Gleichzeitig sagen 77 %, dass sie auf viele verschiedene Dinge neugierig sind, und 64 % geben an, sich besonders anzustrengen, wenn eine Aufgabe herausfordernd wird.

Das passt für uns schwer zu der Erzählung einer Generation, die einfach keine Lust auf Lernen hat. Die Neugier ist da. Die Bereitschaft, sich anzustrengen, auch. Die viel drängendere Frage lautet: Schaffen wir ein Bildungssystem, das daraus etwas macht? Die Ergebnisse von PISA 2025 geben darauf eine ernüchternde Antwort.

Das Problem ist bekannt. Die Entwicklung trotzdem alarmierend.

Die Leistungen der 15-Jährigen in Deutschland liegen in Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik so niedrig wie in keiner PISA-Erhebung zuvor. Nach dem ersten PISA-Schock konnte Deutschland seine Ergebnisse zunächst verbessern und über Jahre stabilisieren. Seit rund zehn Jahren ist die Entwicklung wieder rückläufig.

Rund ein Fünftel der Jugendlichen erreicht in keinem der drei untersuchten Bereiche ausreichende Basiskompetenzen. Und auch die Einstellung zu Schule verändert sich: Der Anteil der Jugendlichen, die Schule als Zeitverschwendung empfinden, ist seit 2022 um vier Prozentpunkte gestiegen.

Uns überrascht dieser Befund nicht. Genau das macht ihn so beunruhigend.

Denn wir diskutieren seit Jahren über Lernrückstände, fehlende Basiskompetenzen und darüber, wie eng Bildungserfolg in Deutschland mit dem Elternhaus verbunden ist. PISA zeigt jetzt erneut, dass sich daran zu wenig verändert hat.

Zwei Prozent oder 25 %: Herkunft entscheidet noch immer mit

Besonders deutlich wird das beim Blick auf die soziale Herkunft.

Von den Jugendlichen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien erreichen in Deutschland nur 2 % ein hohes Kompetenzniveau in den Naturwissenschaften. Bei Jugendlichen aus privilegierten Familien sind es rund 25 %.

Der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und naturwissenschaftlicher Leistung ist in Deutschland inzwischen so stark wie noch nie seit Beginn der PISA-Erhebungen. Er ist etwa dreimal so stark wie in Kanada. Betrachtet man die jeweils 25 % sozioökonomisch am stärksten begünstigten und benachteiligten Jugendlichen, liegen in Deutschland 125 PISA-Punkte zwischen ihren naturwissenschaftlichen Leistungen. Im OECD-Durchschnitt sind es 85 Punkte. Und der internationale Vergleich zeigt noch etwas Entscheidendes: Diese Ungleichheit ist kein Naturgesetz. Zwischen 2015 und 2025 wurde der Leistungsabstand zwischen sozioökonomisch begünstigten und benachteiligten Jugendlichen im OECD-Durchschnitt kleiner. In Deutschland ist er größer geworden.

Genau deshalb reicht es nicht, nach jeder neuen PISA-Studie festzustellen, dass Herkunft in Deutschland zu stark über Bildungschancen entscheidet.

Wir wissen längst, wo wir ansetzen müssen

Die Frage ist inzwischen weniger, ob wir die Probleme kennen. Die Frage ist, ob wir konsequent genug handeln. Lernentwicklungen müssen früh erkannt und mit individueller Förderung verbunden werden. Schulen mit den größten Herausforderungen brauchen die stärkste Unterstützung und ausreichend Ressourcen. Bestehende Vorhaben wie das Startchancen-Programm und der Ausbau des Ganztags müssen ihre Wirkung dort entfalten, wo der Bedarf am größten ist.

Für uns gehört dazu auch der Blick auf die Menschen, die jeden Tag mit Schüler:innen arbeiten. Fellows erleben an unseren Partnerschulen, was individuelle Begleitung konkret bedeuten kann: einen Lernstand genau wahrzunehmen, hohe Erwartungen an einen jungen Menschen zu behalten und dranzubleiben, wenn Lernen bisher vor allem mit Misserfolg verbunden war. (Hier liest du z. B. mehr darüber, was ein Fellow konkret im letzten Schuljahr bewirkt hat).

Deshalb setzen wir auf die gezielte Auswahl, Qualifizierung und Begleitung von Menschen, die an Schulen in herausfordernder Lage Verantwortung übernehmen und nach ihrem Einsatz bei TFD an verschiedenen Stellen weiter für Bildungsgerechtigkeit einstehen und wirken. Und wir erwarten auch von der Politik eine klare Priorisierung: Ressourcen und Programme müssen zuerst dort ankommen, wo die Herausforderungen am größten sind. Das bedeutet, Lernentwicklungen früh zu erfassen und direkt mit individueller Förderung zu verbinden, Schulen mit besonderem Unterstützungsbedarf gezielt zu stärken und die Qualität von Unterricht kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Viele der Instrumente dafür liegen bereits auf dem Tisch. Mit dem Startchancen-Programm, dem Ausbau des Ganztags und weiteren bestehenden Ansätzen gibt es Strukturen, an die wir anknüpfen können. Entscheidend ist jetzt, dass sie konsequent umgesetzt, sinnvoll miteinander verzahnt und an den Schulen wirksam werden, die sie am dringendsten brauchen. Es braucht kein weiteres Gießkannenprinzip und keine nächste Ankündigung. Es braucht die Ausdauer, das, was wir längst als wirksam erkannt haben, auch langfristig umzusetzen.

Dabei geht es nicht um das nächste neue Programm. Deutschland hat nach dem ersten PISA-Schock gezeigt, dass Veränderung möglich ist. Damals folgten Maßnahmen und die Ergebnisse verbesserten sich zunächst. Der langfristige Schwung ist verloren gegangen.

Bleiben wir diesmal dran?

PISA 2025 liefert keine völlig neue Diagnose. Vielleicht ist genau das die wichtigste Nachricht dieser Studie. Wir wissen, dass zu viele Jugendliche die notwendigen Basiskompetenzen nicht erreichen. Wir wissen, dass der Bildungserfolg in Deutschland besonders stark von der sozialen Herkunft abhängt. Und wir wissen aus dem internationalen Vergleich, dass andere Ergebnisse möglich sind.

Gleichzeitig zeigt PISA Jugendliche, die neugierig sind, die sich Herausforderungen stellen und deren Potenzial weit größer ist als die Defiziterzählung, die ihnen manchmal entgegengehalten wird. Dieses Potenzial dürfen wir nicht weiter liegen lassen.

Nach dem ersten PISA-Schock 2001 hat Deutschland reagiert. Diesmal sollte die Debatte deshalb nicht bei der Frage enden, was zu tun ist.

Die entscheidende Frage ist, ob wir diesmal dranbleiben.

Die Ergebnisse der PISA-Studie 2025 findest du hier: 

Jetzt spenden Jetzt bewerben

Werde jetzt aktiv, indem du unseren Newsletter abonnierst.