21. Oktober 2026

Kein WLAN, keine Abkürzung: Wie Fellow Stefan an einer Leipziger Oberschule Jugendliche über sich hinauswachsen lässt

Zwei Tage, ein Wald, kein Empfang. Im Colditzer Forst sind Jugendliche einer Leipziger Oberschule unterwegs, die Route haben sie selbst geplant, das Essen selbst eingepackt. Wenn sie sich verlaufen, hilft kein Handy, sondern nur die Karte und das eigene Team. Am Abend bauen sie ihr Lager auf und übernachten draußen.

Für viele von ihnen ist es das erste Mal.

Möglich gemacht hat das Stefan Reichstein. Er ist seit 2025 Fellow an der Schule am Adler in Leipzig.

Wie aus Erfahrung ein Schulprojekt wird

Bevor Stefan Fellow wurde, hat er jahrelang erlebnispädagogisch gearbeitet: Klassenfahrten in die Sächsische Schweiz geleitet, mit Jugendlichen Höhlen erkundet, auf der Elbe gepaddelt und über offenem Feuer gekocht. Dabei hat er Schüler:innen aus fast allen Schulformen kennengelernt, auch viele, die es zu Hause nicht leicht haben.

Über das Teach-First-Netzwerk hörte er vom „Duke of Edinburgh’s International Award“. Das ist ein internationales Programm, in dem sich Jugendliche über Monate eigene Ziele setzen: im Engagement, in der Fitness, bei ihren Talenten. Der Höhepunkt ist eine selbstorganisierte Expedition.

„Meine Fähigkeiten und der Bedarf an der Schule haben einfach zusammengepasst“, sagt Stefan. Die Schulleitung war sofort überzeugt. Stefan stellte das Programm allen drei neunten Klassen vor, und 18 Jugendliche meldeten sich.

Fotoscredits: Teach For Austria

Mehr als eine Wanderung

Seitdem trifft sich die Gruppe jede Woche als Ganztagsangebot. Sie lernen Karten lesen, üben Erste Hilfe und planen gemeinsam. Über Ganztagsmittel konnte Stefan Outdoor-Ausrüstung im Wert von rund 2.500 Euro anschaffen. Sie bleibt an der Schule, auch für die nächsten Jahrgänge.

Was die Jugendlichen dabei lernen, steht in keinem Lehrbuch:

  • Selbst planen: Sie entscheiden selbst und tragen die Folgen.
  • Konflikte lösen: Streit wird im Team geklärt, nicht von einer Lehrkraft.
  • Dranbleiben: Sie halten durch, auch wenn es unbequem wird.

Das sind genau die Fähigkeiten, die für ihren weiteren Weg zählen.

Inzwischen fragen auch Lehrkräfte bei Stefan an, ob er erlebnispädagogische Vormittage im Park übernehmen kann. Und weil er Rettungsschwimmer ist, können Klassenfahrten an die Ostsee wieder stattfinden.

Warum gerade diese Jugendlichen?

Programme wie der „Duke“ erreichen oft vor allem Jugendliche, deren Eltern sie ohnehin fördern. An der Schule am Adler ist das anders. Hier bekommen Jugendliche Zugang, die im Alltag selten solche Chancen haben.

Was bleibt:

Für Stefan war der Weg in die Schule kein Bruch mit seiner bisherigen Arbeit, sondern eine Weiterentwicklung. Was er jahrelang draußen mit Jugendlichen erlebt hat, bringt er heute in den Schulalltag ein: in den Unterricht, in seine Projekte und in die Zusammenarbeit mit dem Kollegium. Die Unterstützung in herausfordernden Klassen und die Möglichkeit, eigene Projekte zu starten, sind für ihn das Fundament seiner Motivation.

Stefans Geschichte zeigt, wie viel entstehen kann, wenn Erfahrung, Haltung und der richtige Ort zusammenkommen. Und dass es sich lohnt, den eigenen Weg mit Jugendlichen zu teilen, die sonst seltener solche Chancen bekommen.

Diese Geschichte macht deutlich: Was die Jugendlichen dabei gelernt haben, steht in keinem Lehrbuch. Doch was danach kommt, ist offen: Im sächsischen Haushaltsentwurf 2027/28 ist für das Fellow-Programm kein Geld vorgesehen.

Mehr dazu und wie du unterstützten kannst, liest du hier. 

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