Der Chancenmonitor des ifo Instituts und von „Ein Herz für Kinder“ zeigt, wie stark Bildungschancen in Deutschland weiterhin von sozialer Herkunft abhängen. Grundlage ist der Mikrozensus 2022 – die größte repräsentative Haushaltsbefragung in Deutschland. Betrachtet wurden 67.851 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 18 Jahren.
Die Spannweite ist so groß, dass sie nicht als statistische Fußnote stehen bleiben kann: Die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, liegt bei 16,9 %, wenn ein Kind mit Eltern ohne Abitur im untersten Einkommensviertel aufwächst. Am anderen Ende steht eine Wahrscheinlichkeit von 79,2 %, wenn beide Eltern Abitur haben, das Haushaltseinkommen im obersten Viertel liegt und kein Migrationshintergrund vorhanden ist.
Ludger Wößmann, Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik, kommentiert das so: „Unsere Analyse zeigt, wie stark die Chance auf einen Gymnasialbesuch von Elternbildung und Einkommen bestimmt wird.“ Und Bundesbildungsministerin Karin Prien bringt den politischen Anspruch in der ZEIT auf den Punkt:
„Wenn Bildungschancen so stark von der sozialen Herkunft abhängen, reicht es nicht aus, diese Ungleichheit nur zu benennen – wir müssen ihr aktiv entgegenwirken."
– Karin Prien (Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend)
(Bild: Dominik Butzmann/photothek)
Diese Zahlen sind kein neues Phänomen. Sie bestätigen, was seit Jahren gilt: Die Abhängigkeit vom Einkommen der Eltern bleibt der ausschlaggebende Faktor für den Schulabschluss. Wir erleben das jeden Tag an unseren Partnerschulen. Wir sehen, dass sich im System vieles nicht verändert. Und wir sehen gleichzeitig, dass unsere Fellows jeden Tag dafür eingesetzt werden, dass Potenziale trotzdem erkannt werden und Kinder eine echte Chance bekommen, unabhängig von ihrer Herkunft.
Kinder lernen von Menschen, denen sie vertrauen
Kinder lernen am besten von Lehrkräften, die sie mögen und denen sie vertrauen. Und genau das sind Fellows – denn egal ob Grundschüler:innen oder Jugendliche kurz vor dem Schulabschluss: Für die Schüler:innen sind Fellows Lehrkräfte. Und zwar ganz besondere:
„Herr Mertens stempelt uns nicht ab." „Frau Sophia ist die beste Lehrerin, die wir je hatten – die hat keine Lieblinge." „ Frau Herting ist so geduldig mit uns und nimmt sich wirklich die Zeit, bis wir etwas verstehen."
Hinweis: Namen von der Redaktion geändert.
Fellows sind eine echte Unterstützung für Lehrkräfte – und sie entwickeln sich in ihrem Schuleinsatz selbst zu transformativen Lehrpersonen, die Beziehungen aufbauen, Potenziale sehen und den Unterricht mitgestalten.
Was „aktiv entgegenwirken" im Schulalltag bedeutet
Und gleichzeitig wissen wir: Zwei Fellows an einer Schule werden das ganze System nicht verändern. Ein Satz von Judith Neubert, Managerin Public Affairs bei TFD, beschreibt den Alltag vieler Schulen sehr gut:
„Unser Bildungssystem ist vor allem eines: reaktiv."
– Judith Neubert (Managerin Public Affairs)
Reaktiv heißt: Es wird verwaltet, repariert, nachgesteuert, während Kinder längst im System unterwegs sind und sich Unterschiede bereits verfestigt haben. Genau hier setzt der Chancenmonitor selbst an: Er fordert gezielte Förderung statt Gießkanne und nennt unter anderem Mentoring-Programme, kostenfreie Nachhilfeangebote, Familienunterstützung, mehr frühkindliche Bildungsangebote und gute Lehrkräfte an Schulen mit benachteiligten Kindern als konkrete Handlungsempfehlungen.
Unser Appell: Mehr Changemaker:innen im System
Wir wissen, dass jedes Kind das Potenzial hat, ein großartiges Leben zu leben. Und der Grundstein dafür wird in der Schule gesetzt.
Wir werden unser hyperkomplexes Bildungssystem nicht komplett umwerfen – zumindest nicht in näherer Zukunft. Aber wir sehen jeden Tag, dass viele Menschen im System bereits anders denken, neue Lösungen entwickeln und umsetzen. Und in der Bildungslandschaft waren viele davon einmal Teach First Deutschland Fellows.
In der Schule haben sie konkret gelernt, was sie für ihre Schüler:innen anders machen können: damit der Übergang in die nächste Schulform gelingt, der Schulabschluss geschafft wird, der Praktikumsplatz die Zusage gibt. Wir nennen das Collective Leadership. Und als Alumnae:i wirken ehemalige Fellows an genau den Stellschrauben, die für Kinder und Jugendliche den entscheidenden Unterschied machen – in Verwaltung, Schule und Sozialarbeit. Genau hier brauchen wir Menschen mit Growth Mindset, guter Beziehungsarbeit, hoher Anspruchshaltung und dem Blick auf Entwicklung statt Defizite.
Als Teach First Deutschland fangen wir hier an: Fellows arbeiten zwei Jahre an Schulen in herausfordernder Lage – im Unterricht, in Kleingruppen oder in der Einzelförderung. Sie stärken Schüler:innen individuell, gestalten Schule aktiv mit und bauen echte Beziehungen auf. Gleichzeitig werden sie eng begleitet – mit Leadership-Programm, Sommerakademie und Sparring – damit Verantwortung nicht nur gefordert, sondern auch getragen werden kann.
Und weil gemeinsames Wirken auch messbar sein soll: 96 % der befragten Schulleitungen und Lehrkräfte würden ihre:n Fellow gerne behalten – als Fellow oder als Lehrkraft. Mehr zu unserer Wirkungsmessung findest du hier.
Wirkkraft über die Fellow-Zeit hinaus
Unsere Theory of Change endet nicht mit dem Schuleinsatz. Wir qualifizieren Fellows zu Changemaker:innen im Bildungssystem, die weiter aktiv bleiben und wirksam werden – in Stiftungen, NGOs, Behörden oder mit eigenen Gründungen im Bildungsbereich.
Und es entsteht ein wachsendes Netzwerk an Alumnae:i, in dem ähnliche Haltungen und Ambitionen aufeinandertreffen – und Raum für gemeinsames Wirken entsteht.
Mehr dazu in den Blogbeiträgen zu unseren Alumnae:i.